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"In der Erzählkraft der Form liegt ihre Freiheit"

Stephanie Abben im Interview mit Dr. Necmi Sönmez

Auszug aus dem Katalog „Stipendiaten der Lepsien Art Foundation Jahreskatalog 2009/10“, Düsseldorf, Abu Dhabi

Wie hast du angefangen deine poetisch-abstrakten Bilder mit landschaftlich-kosmischen Assoziationen zu verknüpfen?

Ursprünglich war das gar nicht beabsichtigt. Als ich am Anfang einige Farben auf verschiedenste Weise lediglich malerisch untersuchte, wurden beim Betrachten und auch schon beim Malen der Arbeiten unwillkürlich landschaftliche Assoziationen freigesetzt. Sobald man eine Linie quer über das Format zog, war ein Horizont da, aufwärts strebende Linien oder Formen haben sofort etwas von Gewachsenem, Bäume beispielsweise, dargestellt. Es war also gar nicht so, dass ich geplante Assoziationen mit abstrakter Malerei bewusst verknüpften wollte. Eher wurde von der Malerei selbst aus in jeder Form etwas Erkennbares sichtbar. Vielleicht lag das daran, dass meine Malerei zum Beispiel im Gegensatz zu konkreten Positionen in der Malerei oder der reinen Abstraktion immer etwas Gestisches hatte. Die Malerei brachte diese Dinge selber hervor, mögliche Motive oder Gegenstände, die sich bemerkbar machten, tauchten dann doch wieder in bloße Malspuren ab.

In deinen Arbeiten können zwei Richtungen unterschieden werden: Einmal die gestische Zeichnungen, in der es um Bewegungsabläufe, um musikalische Rhythmen geht. Zum anderen geben semi-figurative Ansätze eine gewisse Körper- und Objekthaftigkeit. Die Kompositionen bleiben abstrakt, sie thematisieren Zeitprobleme beim Malen. Die emotionale Schnelligkeit des Malvorganges wird erprobt und kommt ins Spiel. Gleichzeitig erscheinen deutlich erkennbare Motive, wie  beispielsweise Hütten, Berge, Stühle. Wie gehst du mit diesen Gegensätzen um?

Ich wollte immer Bilder malen, von denen ich nichts weiß, d.h. etwas malen, das ich nicht weiß. Rein malerei-immanente Fragestellungen interessieren mich nicht. Beim Malen gehe ich dann auf die Suche nach einer Art Motiv. Insofern sehe ich mich auch nicht als abstrakte Malerin. Oft entfalte ich Räumlichkeiten, da alles immer durch einen starken Hell-Dunkel-Kontrast durchkomponiert ist. Es herrscht das Gesetzt von Licht und Schatten in meinen Bildern. Dadurch entstehen naturhafte Phänomene, von denen ich mich nie lösen konnte und wollte. In ihnen existiert ein vermeintliches Chaos, das ich spannend finde und was ich mit meiner Malerei während des Mal-Aktes berühre. Der körperliche Mal-Akt soll ebenso sichtbar bleiben wie das herausgebildete Motiv oder der Gegenstand, die einen Inhalt besitzen können. Das sind für mich Gegensätze, die sich wechselseitig bedingen und anziehen.

Es gibt eine merkwürdige Gleichzeitigkeit in deinen Arbeiten, die durch eine undefinierbare Raumwahrnehmung und Anziehungskraft der Formen und der Dinglichkeit gekennzeichnet ist. Ist dir die Freiheit der Formen oder die Erzählkraft der Formen vorrangig? 

Für mich ist es wichtig, dass da etwas entsteht, das Erinnerung auslösen kann – dass sich die Malerei nicht in der reinen Geste verliert, sondern auch eine „Form“ enthält. Ich habe nach und nach in diese Räume klarere Formen - Objekte und Gegenstände - platziert. Meine Fragen sind: Was ist eigentlich ein Gegenstand und wann wird er als ein solcher erkennbar? Oder was erzählt dieser Gegenstand? Ich denke im Herausbilden der Erzählkraft einer Form liegt ihre Freiheit. Das heißt, dass die Form im Grunde genommen frei ist. Was sie erzählen will, ist jedem Betrachter überlassen. Ich deute nur an oder lasse etwas stehen. Die Dinge sind nie wirklich greifbar. Ich möchte seltsame Bezüge herstellen, betreibe quasi eine Verneinung des klar Definierten. Für mich drückt das die Eigentümlichkeit der Malerei aus und daran möchte ich weiterarbeiten. Ich versuche grundsätzlich zu fragen: Was ist eigentlich ein Bild? Die Repräsentation von etwas, die Wahrnehmung von Bildern oder von Abbildhaftem und auch möglich sichtbare Bezüge zu konkreten oder persönlichen Inhalten der Motive stehen im Focus meiner Arbeit. Das alles stelle ich mit meiner Malerei zur Diskussion.

Auf deiner Homepage habe ich neben „Malerei“ interessante Arbeitsgruppen wie die „Wandzeichnungen“, „Photozeichnungen“ und „Textarbeiten“ gesehen. Diese Werkgruppen lassen deutlich erkennen, dass du konzeptuelle Ansätze verfolgst. Können wir darüber sprechen?

In einigen dieser Arbeiten möchte ich das malerische Feld erweitern. Zum Beispiel dehne ich die Malerei gänzlich in den Raum aus, indem ich direkt auf die Wand male. Die klassische Funktion des Tafelbilds möchte ich durch eine körperlich wahrnehmbare Raumsituation erweitern, indem ich mit der gegebenen Räumlichkeit vor Ort arbeite. Bei den Photozeichnungen verbinde ich zwei Medien zu einem. Zum einen möchte ich das einzelne Medium untersuchen und neu beanspruchen. Zum anderen geht es mir auch um persönlichere Inhalte, die bisher in meiner Malerei weitestgehend unberührt geblieben sind. In den Textarbeiten zum Beispiel verarbeite ich immer ein bestimmtes inhaltliches Thema, das auf mich und meine Arbeit als Künstlerin anspielt.

Du hast bei deiner Diplom-Präsentation in Kunstakademie Karlsruhe die Arbeit „Wasserlache“ (2009) gezeigt. Die Projektion von Filmen auf Malerei ermöglichen interessante „Zwischenräume“. Die Arbeit scheint mit ihrer Prozesshaftigkeit deine Ideen zu reflektieren. Welche Erkenntnisse hast du dadurch gewonnen?

Die Idee war auch hier, die Malerei selbst bildlich-visuell zu besprechen und zu erweitern, indem ich das Video auf Malerei projiziere. Beide Medien bedingen sich und werden zu einem Bild, das zu einem Motiv wird. Das eine existiert nicht ohne das andere. Durch die Verbindung von Malerei und Video entsteht eine bestimmte Bewegung im Bild, die immer endlos weiterläuft. Es geht um Langsamkeit und genaues Beobachten von Materie und Oberfläche. Der Versuch liegt durch das Motiv auch darin, den Focus auf etwas Wiederkehrendes und Zurücklaufendes zu richten, indem sich ein Kreislauf schließt. Insofern tauche ich das relativ offene Motiv von fließendem Wasser zugleich wieder in die abstrakte Materie der Malerei ab. Beide Oberflächen zeigen das jeweilige Problem von Abstraktion und Gegenständlichkeit oder konkret und undefiniert in einem Bild auf.


Stephanie Abben 2017